Lametta auf dem Pulverfass – Weihnachten zwischen Krisen, Kontrolle und Kommerz

Einleitung:

Das Weihnachtsfest steht vor der Tür – und mit ihm ein vertrautes Schauspiel aus Lichterschein und Lebenslügen. Während auf den Marktplätzen Kinderchöre von „Friede auf Erden“ singen, rollt im Hintergrund der Sicherheitsapparat: Betonbarrieren und Polizeistreifen sichern die Glühweinstände ab, Überwachungskameras beobachten aus schwindelnden Höhen (Quelle: welt.de, zdfheute.de). Besinnlichkeit gibt es nur noch mit Ausnahmegenehmigung. Gleichzeitig glitzert die Konsumkulisse heller denn je; Rekordumsätze werden wie alle Jahre wieder als frohe Botschaft verkündet, als wäre Kaufen an sich ein Akt der Nächstenliebe. In den Schaufenstern funkeln Discount-Versprechen, Politiker versprühen in Festtagsansprachen routiniert Optimismus – doch hinter dem flackernden Adventskranz schwelt die Realität: eine Gesellschaft im Krisenmodus. Weihnachten 2025 gleicht einer dünnen Lametta-Schicht über einem Pulverfass aus sozialen Spannungen, Überwachung und marktwirtschaftlichem Dogma. Es ist die stillste Nacht des Jahres, in der es doch an allen Ecken rauscht und rumort.

Hauptteil:

Das Krippenspiel der Mächtigen

In der politischen Weihnachtsinszenierung spielen die Mächtigen jedes Jahr die heiligen drei Könige – nur dass ihre „Gaben“ wohlkalkulierte PR-Geschenke sind. Ministerpräsidenten posieren mit Kindergruppen vor glitzernden Tannen, Kanzler und Wirtschaftslenker spenden medienwirksam an wohltätige Vereine. Die Botschaft: Seht her, auch die Obrigkeit hat ein Herz (wenigstens zwischen Plätzchen und Neujahrsböllern). Doch abseits der Kameras bleibt vieles kaltherzig wie zuvor. Die gleiche Regierung, die unterm Christbaum warme Worte für Zusammenhalt findet, kürzte zuvor Sozialetats und ließ Tausende im Kalten stehen. Konzernchefs sprechen von Weihnachtsbonus – meist für sich selbst. Es ist ein Krippenspiel der Heuchelei: Die Rollen von Josef und Maria geben die Empathischen, während im Hintergrund Herodes über die Haushaltskasse wacht. Mit feierlicher Miene wird Mitmenschlichkeit beschworen, während man das restliche Jahr über Menschen als „Kostenfaktor“ verwaltet. Die Mächtigen inszenieren zu Weihnachten Wärme, die sie im Alltag längst haben erfrieren lassen. Ihr Fest der Liebe ist eine gut choreografierte Aufführung – ein Bühnenstück, in dem Wohltätigkeit vorkommt wie ein gut getimter Showeffekt, der vom Machtanspruch dahinter ablenken soll.

Festung Weihnachtsmarkt – Sicherheit statt Besinnlichkeit

Was einst als offener Treffpunkt der Bürger galt, hat sich mancherorts in eine Hochsicherheitszone verwandelt. Der Weihnachtsmarkt wird zur Festung, bewacht von bewaffneter Besorgnis. Nach Anschlägen und Alarmmeldungen reagieren Städte mit Aufrüstung nach innen: „umfassende Sicherheitskonzepte“ ersetzen die Unbeschwertheit (Quelle: welt.de). Uniformen patrouillieren zwischen Lebkuchenständen, und ein striktes Messerverbot gilt bundesweit für die Budengassen (Quelle: welt.de) – als wäre der Holzstand mit Kunstschnee ein Hochrisikogebiet. Überall sieht man Argusaugen: Wachpersonal scannt Menschenmengen, Kameras zeichnen jede stille Nacht auf. Ironischerweise soll all das die Besinnlichkeit schützen, doch wie besinnlich ist ein Glühwein, getrunken unter observierendem Auge? Während Kinder staunend Karussell fahren, stehen Scharfschützen auf den Dächern (wenigstens tragen sie vielleicht rote Mützen, der Stimmung wegen). Die Angst vor dem Ausnahmefall erstickt das Gefühl vom Fest für alle. Was bleibt, ist die Nachricht: Feiert, aber vergesst nicht, es könnte jederzeit etwas passieren. Das gesellschaftliche Klima unterm Tannenbaum: Misstrauen, das flackernde Kerzenlicht vor lauter Blaulicht kaum erkennbar. Besinnlichkeit steht hinter Gittern – Sicherheit geht vor, selbst wenn sie das festliche Gefühl hinter Betonblöcken begräbt.

Süßer die Kassen nie klingeln

Jedes Jahr im Advent ereignet sich ein Wunder, das selbst hartgesottene Marktwirtschafts-Jünger erfreut: die Umsätze explodieren, und zwar verlässlicher als jede Rakete zu Silvester. „Süßer die Kassen nie klingeln“ – so könnte das moderne Weihnachtslied beginnen. Kaufhäuser und Online-Giganten preisen die stille Nacht als Schnäppchen-Feier: Black Week, Adventssale, 0%-Finanzierung bis zum Heiligabend. Der biblische Stall von Bethlehem weicht dem Logistikzentrum, die Heiligen Drei Könige kommen mit Paketdienst und tragen Gutscheincodes statt Gold, Weihrauch und Myrrhe. Konsum ist zur Ersatzreligion avanciert: Wer ausreichend opfert – pardon, kauft – dem sei Erlösung vom Makel des Vorjahresmodells versprochen. Die Marketing-Propheten verkünden im Chor: „Kaufet und freuet Euch, denn die Rabatte sind da!“ Und die Herde folgt andächtig dem Ruf, die Kreditkarten glühen wie Wunderkerzen. Am Ende dieser Orgie unterm Plastikbaum steht allerdings selten Seligkeit, sondern Katerstimmung: Kontoauszüge, so rot wie der Mantel des Weihnachtsmanns. Denn während die Kassen laut klingen, bleiben viele Herzen leer. So ist das Fest der Liebe zu einer Bilanz der Bonität geworden – Hauptsache, die Zahl stimmt unterm Strich. Ob Liebe, Frieden, Sinn – all das lässt sich nicht in Raten zahlen. Aber diese unbezahlbaren Werte stehen in keinem Prospekt.

Fest der Floskeln – Medien im Feiertagsmodus

Wenn Weihnachten naht, greifen auch die Medien tief in die Kiste der Klischees. Nachrichtensendungen werden zu Wohlfühl-Magazinen, Talkshows gönnen sich Winterpause – Kritik und Konflikte scheinen ferienhalber ausgesetzt. Überall liest und hört man Besinnlichkeits-Floskeln: Politikerreden werden unkritisch als „herzergreifend“ referiert, die Zeitungen füllen Seiten mit immer gleichen Geschichten vom „Weihnachtswunder“ irgendwo in der Provinz. Währenddessen laufen weltpolitisch weiter die Krisenbänder, doch die Sendezeit füllt man lieber mit dem Bericht über das Rentier im Altenheim oder den Rekord-Weihnachtsbaum am Marktplatz. Die vierte Gewalt stimmt ein in den Chor der beruhigenden Botschaften, als hätte man sich verschworen, dem Bürger ein paar Tage Illusion zu gönnen. Wer dennoch Probleme anspricht – etwa die Obdachlosen in der klirrenden Kälte oder die Flüchtlinge an den Grenzen – riskiert, als Grinch beschimpft zu werden, der die Stimmung verdirbt. Also gibt es auf allen Kanälen Honig ums Maul: „jetzt ist Zeit für Zusammenkunft und Dankbarkeit“ – so reden sogar die Nachrichtensprecher, als läse jeder vom selben Drehbuch ab. Mediale Selbstzensur im Glanz der Lichterketten: Bloß keine „schlechten Nachrichten“ unterm Weihnachtsbaum! So wird das Fest zur kollektiven Trance, in der kritische Fragen in Geschenkpapier eingewickelt und bis zum Januar vertagt werden. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet in der „staaden Zeit“, in der man innehalten könnte, läuft die Ablenkungsmaschine auf Hochtouren. Das Ergebnis ist ein Publikum im Zuckerrausch der Sentimentalität – sediert durch ständig wiederholte Floskeln von Harmonie, bis keiner mehr fragt, was außerhalb der Schneekugel vor sich geht.

Friede auf Erden? – Illusionen unterm Lichtermeer

„Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ – kaum ein Vers wird dieser Tage häufiger zitiert. Doch während drinnen im Warmen dieses Versprechen gesungen wird, sieht die Welt draußen anders aus. Von echtem Frieden kann keine Rede sein. In der Ukraine und an zig anderen Orten der Welt fallen keine Schneeflocken, sondern Bomben; Konflikte machen keine Weihnachtspause. Auch daheim herrscht alles andere als himmlischer Friede: Sozialproteste flackern auf, die Schere zwischen Arm und Reich klafft unbeirrt weiter, und selbst unterm funkelnden Lichtermeer unserer Innenstädte schläft manch einer im Schatten der Konsumtempel auf Pappkartons. Das “Fest der Liebe“ ertrinkt in Illusionen: Man spendet einmal für die Tafel, um das Gewissen zu beruhigen, während man die restlichen 364 Tage die strukturellen Ursachen von Hunger ignoriert. Politiker aller Couleur wünschen „Einigkeit“ und „Zuversicht“, doch ihre Taten zuvor – ob Spardiktate oder Rüstungsexporte – säen Zwietracht und Unsicherheit. Die Diskrepanz zwischen Weihnachtsideal und Wirklichkeit könnte größer kaum sein. Das Lichtermeer der Dekorationen blendet uns nur allzu gern: Es lässt die Konturen der Probleme verschwimmen, bis zur Unkenntlichkeit überstrahlt vom Festglanz. Man klammert sich an die Illusion, wenigstens für ein paar Tage sei die Welt eine bessere – doch es bleibt ein Trugbild, so flüchtig wie eine Schneeflocke auf der Zunge. Friede auf Erden beginnt nicht in der Festrede und endet nicht am 27. Dezember. Solange aber die heile Welt nur auf Postkarten existiert, bleibt Weihnachten ein schöner Schein, unter dem die Realität umso greller hervorsticht.

Verbesserungsvorschlag:

Ein kritischer Weihnachtsgruß in Systemkritik-Manier wäre unvollständig ohne eine Perspektive, was anders laufen könnte. Der Weg aus der Psychotopie der Feiertage führt nicht über Zynismus oder Verzichtaufrufe allein, sondern über Bewusstsein und kleine Revolten im Alltag. Erstens müssten wir Weihnachten wieder entkommerzialisieren: Weniger blindes Kaufen, mehr zwischenmenschliche Zeit. Warum nicht Geschenke auf das Nötigste reduzieren und stattdessen gemeinsam Kochen, Singen, Diskutieren – echte Begegnungen schenken, die keine Rabattaktion ersetzen kann? Zweitens: Dem Sicherheitswahn beherzt entgegentreten. Weder totale Videoüberwachung noch Panikmache schaffen echte Geborgenheit. Städte könnten Weihnachtsfeste der offenen Tür organisieren – ohne VIP-Bereiche, ohne Hochsicherheitszonen, dafür mit echter Bürgerbeteiligung. Wenn Menschen einander kennen und füreinander einstehen, braucht es weniger Betonpoller für ein Gefühl von Sicherheit. Drittens: Medien und Politik dürften ruhig ehrlichere Weihnachten wagen. Das hieße, auch zur Festzeit die Wahrheit nicht komplett auszublenden – etwa eine Bilanz der Obdachlosigkeit unterm Weihnachtsstern senden oder Politiker, die in ihrer Ansprache nicht nur Wohlfühlworte, sondern konkrete Hilfszusagen für die Schwächsten geben. Es geht nicht darum, Weihnachten schlechtzureden, sondern es vom Ballast der Lügen zu befreien. Ein Weihnachten der mündigen Bürger würde heißen: feiern, ohne die Vernunft abzugeben. Kritisch bleiben, auch unterm Mistelzweig – und gerade deshalb echte Wärme finden, jenseits der verordneten Harmonie. Jeder kann im Kleinen damit anfangen: indem man etwa lokale Initiativen unterstützt statt anonyme Spenden-Marathons, indem man in Diskussionen auch zur „stillen Zeit“ unbequeme Themen nicht scheut. So könnte aus dem vernebelten Ritual wieder ein Fest des Bewusstseins werden – eines, das sowohl Freude als auch Realität zulässt.

Schluss:

Weihnachten in der Psychotopie zeigt, wie dünn der Lack aus Lametta ist, der unsere Gesellschaft überzieht. Die festliche Rhetorik von Frieden, Liebe, Einkehr klingt hohl, solange sie als Maskerade für ein System dient, das das Gegenteil produziert – Überwachung statt Vertrauen, Kommerz statt Sinn, Schein statt Sein. Solange Rituale nur der Selbstberuhigung der Macht und der Märkte dienen, bleibt die heilige Nacht profan: ein Marketing-Event mit Polizeischutz. Doch Hoffnung gibt es dennoch: Jede ehrliche Begegnung, jedes offene Wort und jedes kritisch wache Gemüt unterm Weihnachtsbaum sprengt ein bisschen diese Kulisse. Die stille Nacht muss nicht laut werden – aber ehrlich. Wenn wir es schaffen, auch nur einen Moment lang den Weihnachtsglitter abzulegen und klarzusehen, ist das vielleicht das größte Geschenk. Denn wer die Wahrheit unterm Tannengrün findet, feiert nicht weniger Weihnachten – sondern bewusster.

Rechtlicher Hinweis:

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